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Das Loch nach dem Loch

 

Der See knackt, wie jeder gefrorene See, wenn im Winter der Morgen dämmert. Aber der Concordia-See ist nicht bloß ein See. Er ist das Herzstück eines Märchens, der Protagonist einer Katastrophe, er hat die Hauptrolle in einem Kammerspiel. Wenn der Concordia-See in der Dämmerung knackt, wenn die Gänse den Morgen ankreischen, wenn der Nebel über dem Krater die Sicht auf Nachterstedt freigibt, dann sieht man wieder die Bilder: die schroffe Absturzkante, Trümmerteile, den zerfetzten Dachstuhl, drei Menschen in einem Loch.

 

Als Polizeimeister Ralf Nettlau sich am frühen Morgen des 18. Juli 2009 auf den Weg macht, kennt er nur den Notruf: "Hier ist was passiert, hier steht nur noch ein halbes Haus." Er fährt die zehn Kilometer nach Nachterstedt, über die Eisenbahnbrücke, geradeaus den "Ring" zum See hinunter. Es ist hell in der Straße, heller als sonst, der Blick reicht bis auf die andere Seite des Sees. "Kannst ja rübergucken", denkt Nettlau, "komisch". Dann bremst er. Zehn Meter vor ihm, wo früher der Aussichtpunkt stand und die Siedlung, ist nichts. Er steigt aus, geht zur Kante, schaut herunter: Wasser. Er begreift, ruft die Feuerwehr, das Technische Hilfswerk, den Hubschrauber aus Thüringen. Er hört nichts, der Morgen dämmert ruhig.

 

Das Märchen des Sees begann Anfang der 1990er Jahre, die Ära des Bergbaus in Sachsen-Anhalt war vorbei. Die Landschaft zernarbt, die Wirtschaft erlegt: "Seeland" war die Lösung, die Hoffnung - und der Concordia-See war das Herzstück des Projekts. Der Tourismus sollte die Wende sein in den Furchen der Braunkohle, blühende Landschaften sollten aus den Gruben emporsteigen, Phoenix die Asche besiegen,

 

Heidrun Meyer war damals Kämmerin in der neu gegründeten Verwaltungsgesellschaft Seeland. Jetzt sitzt sie in ihrem Büro im Nachterstedter Rathaus, klare Sprache, klare Haut, die Hände ruhen im Schoß. Ihr Pulli ist lila, die Tapeten grün, der Gummibaum ein paar Köpfe größer als sie, über der Schreibtischlampe hängt ein Herz aus Pappe, um ihren Hals eine Kette aus dicken Holzperlen. Sie ist ein Urgestein in der Kommunalpolitik, Hebamme des Seeland-Projekts. "Mit dem Seeland haben wir eine Vision umgesetzt, an die sich alle geklammert haben." sagt sie,

 

Seeland war teuer, Meyer hat Geld geopfert, die Gemeinde verschuldet. Auf der Seelandperle, dem Schiff, mit dem die Touristen über den Concordia-See kreuzten, liegen Kredite. Geld kam auch vom Land Sachsen-Anhalt, von der Bergbaubehörde, vom Bund. "In der Sache waren wir uns immer einig", sagt sie. Es gibt den Seeland-Pokal, den Seeland-Lauf, das Seeland-Schiessen. Meyer ist Aufsichtsrätin der Seeland GmbH, Ehrenmitglied im Förderverein Seeland. Sie ist Bürgermeisterin der Stadt Seeland. Das ist sie seit dem 15. Juli 2009, drei Tage vor dem Unglück. Am selben Tag war die Stadt überhaupt erst gegründet worden, seit dem ist Nachterstedt nur noch ein Ortsteil von Seeland. 2009 sollte ihr Jahr werden. "Wir waren auf dem aufsteigenden Ast", sagt sie, "2009 wäre der große Sprung gewesen."

 

Dann kam das Loch. Es verschlang drei Menschen, nahm 41 ihr Zuhause, es riss ein Doppelhaus und ein halbes in die Tiefe - und mit ihnen das Projekt Seeland. Seit dem gibt es in Nachterstedt ein vor dem Loch und ein danach, so wie es das für den Rest der Welt mit dem 11. September gibt. 1200 Autos fahren an dem Nachmittag durch den Ort mit 1938 Einwohnern, das einzige Hotel ist ausgebucht, besetzt von Journalisten, Helfern, heimatlosen Nachterstedtern. Die Kellnerin schläft vier Tage nicht. Boulevardschreiber geben Schnaps aus, rundenweise. "Wer hat Fotos?", fragen sie. Nachterstedter Jugendliche wittern das Geschäft, verschachern Bilder der Vermissten. Jeder will mit den Kindern der Verschütteten reden. Alle im Dorf wissen, wo sie sind, alle halten dicht. Am Tag nach dem Rutsch druckt die BamS eine Doppelseite mit Fotos und Details der Vermissten. Beschwert hat sich keiner über die Presse, aber sie hatten auch andere Sorgen. Wenn einer kam, wurde er weggewischt, wie eine Fliege, die nervt.

 

Hinter dem Rathaus wurde der Parkplatz zum Katastrophenzentrum, der Arbeiter-Samariter-Bund kochte 300 Essen für die Helfer und Betroffenen. Die Suppe reichte nicht, die Journalisten holten sich auch eine Portion ab, damit hatte man nicht gerechnet. Auch Siegfried Hampe saß dort, der Bezirksschornsteinfeger. Eine Woche zuvor, vor Seeland, war er noch Chef im Ring, danach nur noch einer der fünf Ortsbürgermeister.

 

Hampes Büro ist das Zimmer eines Würdenträgers, geschnitzte Eichentüren, Parkett, Bleiglasfenster, Jubelbalkon. In der Ecke steht ein alter Tresor, an den Wänden hängen Stiche vom Bergbau-Nachterstedt. Auf dem Schreibtisch steht die Schutzpatronin der Bergleute, ein Schokoladenschornsteinfeger, eine Kaffeetasse, "Gott gebe mir die Gelassenheit" steht darauf. Ziemlich bald nach dem Unglück hatte Hampe gesagt, was er dachte: dass es weiter gehen muss mit dem Tourismus. Das gab Ärger. "Bürgermeister denkt nicht an die Betroffenen" schrieb eine Zeitung.

 

Dabei hatte er nur ausgesprochen, was jeder Politiker in der Region gedacht haben muss. Seeland war ihr Baby gewesen, 15 Jahre lang hatten sie darum gekämpft, lautlos, in Sekunden war es abgestürzt. Vier Wochen nach dem Unglück hatte die BILD ihm eins ausgewischt: "Haben Sie schon mal auf Ihre Internetseite geguckt, Herr Hampe?" - "Friede, Freude, Eierkuchen" stand da. "War eine Befreiung, als die alle weg waren", sagt er.

 

Damals, im Katastrophenzentrum, hatte Hampe sich mit einer Wurst auf dem Pappteller neben Hans Fraust gesetzt. Fraust war einer der Betroffenen, einer vom "Ring", er konnte nicht zurück in sein Haus. Mit seiner Frau war er bei Markus Lanz gewesen, drei Tage nach dem Unglück. "Hast mich nicht erwähnt im Fernsehen", sagt Hampe. "Hab ich doch", sagt Fraust. "Nein, du hast gesagt 'Frau Bürgermeisterin Meyer'."

 

Hans Fraust und seine Frau Monika sind jetzt ein bisschen berühmt, sie waren bei "Hier um vier", bei "Unter uns", bei "Zibb", im ZDF info. Jeder im Ort kennt die Frausts und jeder hat ein Urteil. "Schon wieder die Frausts", sagen manche, "es gibt auch andere Meinungen, " andere. "Dann solln se hinfahren und die sagen", sagt Hans Fraust. Er sitzt am Tisch im Esszimmer in seiner neuen Wohnung, es gibt Kaffee und Windbeutel. Fraust ist 62, gelernter Maurer, Jogginghose, grauer Schnäutzer. Es hat sich schnell rumgesprochen in der Medienwelt, dass die Frausts gut ins Fernsehen passen. "Weil wir so schön weinen können, oder was weiß ich", sagt Fraust. "Schrecklich war das", sagt Monika Fraust, "die haben nicht locker gelassen." Sie ist 55, eine kleine Frau mit ordentlich gesträhntem Haar, ein Fels in der Fraust'schen Lebenskatastrophe. "Wir haben keinen Grund, schlecht über die Medien zu reden", sagt ihr Mann, "war für uns nie ein Nachteil."

 

Viel Geld sollen die Fraust verdient haben im Fernsehen, das erzählt man sich im Ort. 35 000 Euro sagen manche. "Alles Quatsch", sagt Fraust. Er hat einen Auftrag, behält im Auge, dass man sie nicht vergisst. Im Dezember waren sie bei Kerner, "Menschen 2009". Er schiebt die DVD in das Gerät und hockt sich auf den Couchrand, zappt durch die Stationen des Jahres, an Winnenden und Emmely vorbei. "2009", sagt Kerner, "war auch ein Jahr der Trauer". Dann, zwischen Tokio Hotel und Bully Herbig kommen die Frausts, ein paar Millionen schauen zu, 4000 im Saal. "Merkste nicht", sagt Fraust. Er sieht sich auf dem Sofa neben Kerner und muss schon wieder weinen. Beim Abschlussbild stehen sie zwischen Magath und Verona. Es ist ihr Kairos, ihre Chance, danach kommt wieder die Nacht. "Angenehme Nebenerscheinung", sagt Fraust, "funktioniert alles perfekt".

 

Für das Fernsehen kam der VIP-Shuttle nach Nachterstedt, A8-Limousine, das Kanzlerauto. "Ham se extra die Straße für gekehrt", sagt Lothar Gareis. Gareis war Frausts Nachbar am "Ring", auch er musste sein Haus zurücklassen. Jetzt wohnt er ein paar Straßen weiter in einem kleinen Häuschen, frisch geklinkert. Gareis ist 71, ein Trümmermann, einer der aus allem was macht, aus ein paar Drähten, ein paar Steinen, aus seinem Leben. Gareis wollten sie auch mal abholen ins Fernsehen, nach Weimar, nach Leipzig. "Wollte nichts mehr wissen von dem Zeug", sagt er, "hab jebastelt".

 

Am Nachmittag gibt es Kuchen bei Gareis, selbstgebacken. "Ohne Kuchen bin ich keen Mensch." Am Abend macht er Blutwurstsuppe warm, "Wurschtsuppe mit Nudeln". Aus dem Sitzbankbauch in der Wohnzimmerecke holt er die alten Zeitungen von damals, den Stern, die SuperIllu, die Ascherslebener Zeitung. Wie ein verstecktes Heiligtum liegen die Artikel dort, zwischen Kaufverträgen, Kontoauszügen, dem Ausmusterungsbescheid. Damals, nach dem Unglück hatte Gareis auch im Katastrophenzentrum gesessen, einer von denen, die alle in der Zeitung haben wollten. "Ich bin kein Betroffener", hatte er zu den Reportern gesagt, "ich fress mich nur durch." Dann hatte er sich mit seiner Suppe neben Hampe gesetzt, den Ortsbürgermeister: "Willste mein Haus kaufen, Siegfried?"

 

Dort, auf dem Parkplatz hinter dem Rathaus, saßen die Journalisten und Kameraleute im Juli tagelang und warteten auf nichts. Alles hatten sie gefilmt, jeden interviewt. Geschichten über die Betroffenen wollten die Redaktionen schon nach drei Tagen nicht mehr hören. Nichts passierte. Aber weg konnten sie nicht. Sie waren gefangen am Unglücksort. Was, wenn das nächste Haus in die Tiefe rutscht? Wenn sie gerade dann wieder auf dem Weg nach Halle oder Leipzig oder Berlin sind? Auf der anderen Seite des Sees hatten sich die Fotografen und Kameraleute mit Teleobjektiven aufgestellt, Tag und Nacht rübergefilmt, ob noch was weg bricht.

 

Ziemlich schnell hatte sich der Begriff verändert, von dem, was geschehen war. "Einsturz" hieß es erst, "Unglück", "Böschungsbewegung" sagten die Bergbausanierer, "Geländeeinbruch" die Politiker, "Katastrophe" schrieb die Bild. Eine Woche später hatte die Titanic ein Bild von der Unglücksstelle auf dem Titel: "Das Sommerloch".

 

Am fünften Tag nach dem Unglück gab es eine große Pressekonferenz. Im Concordia-See, dem Festsaal des Hotels, waren nicht genug Stühle für die Journalisten, vorn auf dem Podium saßen Landrat Gerster, Wirtschaftsminister Haseloff, und Mahmut Kuyumcu, der Chef der Bergbausanierungsfirma LMBV. Zwischendrin wuselte Uwe Steinhuber, der Pressesprecher des Bergbausanierers. Jetzt sitzt er in seinem Büro in Senftenberg in der Lausitz, im 9. Stock eines Plattenbaukastens, dem Lausitzer Sitz der LMBV. Seit dem Ende des Bergbaus in der ehemaligen DDR soll die Firma die alten Anlagen abwickeln, im Auftrag des Bundes. Gut neun Milliarden Euro hat das bisher gekostet.

 

Steinhuber trägt einen hellgrauen Anzug, dunklen Teint und Davidoff Cool Water. Die Krawatte ist rosa und hellblau gestreift, das Büro unübersichtlich, manchmal verschluckt er sich beim reden. Nachterstedt waren Steinhubers fünfzehn Minuten. "Keiner hat sich gekümmert", sagt er, "die Bürgermeisterin war überfordert." Steinhubers Mailbox konnte nach 45 Nachrichten nicht mehr, auf dem Klo hat er die dann durchgehört. Der Staatssekretär vom Wirtschaftsminister kam, der Landrat, der Ministerpräsident, "Der weiß jetzt wer ich bin."

 

"Durch den BILD-Ozean bin ich gut durchgekommen", sagt Steinhuber, "meine Tochter hatte damals ein Praktikum in der Berliner Redaktion gemacht". Das hatte er den Kollegen aus Halle sofort erzählt: "Die haben mich immer gut behandelt." Dafür gab es dann Informationen "unter 3" - als die Katze einer betroffenen Familie wieder da war, wussten das BILD als erstes. "Die waren dann beschäftigt", sagt Steinhuber, konnten die sich keine Gedanken machen über das Heizöl in den Häusern, die Altlasten, das Phenol.

 

In Steinhubers Firma geht es jetzt um Schuld, also um Geld. Die LMBV hat die Betroffenen entschädigt, allerdings ohne die Schuld für das Loch zu übernehmen. Sollte jemand anderes das Unglück verantworten: Er müsste zahlen. Geologen arbeiten an einem Gutachten, bis zum Jahresende sollte es fertig sein, "vor April wird das nichts", sagt Steinhuber. Auch das Land Sachsen-Anhalt muss das Loch untersuchen. "Es gibt zwei Ufer an denen wir stehen, und was dazwischen liegt, ist nicht so schön", sagt Steinhuber. Damit meint er die LMBV und Sachsen-Anhalt. 35 Millionen soll es allein kosten, das abgerutschte Gebiet zu sanieren.

 

Bis bis die Schuld geklärt ist, liegt Seeland im Koma. Seit Monaten gibt es nichts Neues,

nur ein Vakuum der Ungewissheit, das nagt. Unter den Betroffenen trennen sich Paare, manche ziehen weg, ein Bruderpaar spricht nicht mehr mit einander, die Nachbarn von damals gehen ihre Wege. "Manche machen aus Nachterstedt ein Geisterdorf, das ärgert mich", sagt Heidrun Meyer, die Bürgermeisterin. Sie will jetzt die Medien nutzen, um Druck auszuüben, auf das Land, auf die LMBV. "Jetzt kommt unser Kampf", sagt sie.

 

"Wir sind ja auch unter Schock, nee, ich will das jetzt gar nicht vergleichen mit den Betroffenen, aber wir sind sehr traurig", sagt Meyer. Sie darf ihre Trauer um Seeland erst jetzt formulieren. "Das Jahr ist verloren, auch wenn die Saison noch gar nicht begonnen hat." Und wenn das Ganze einfach versandet? Meyer denkt nach. "Das glaub ich nicht. Deutschland und die Welt gucken auf Nachterstedt."

 

Der Abend bettet das Seeland in die Ruhe der Provinz. Lothar Gareis schmiert sich ein Graubrot mit Thüringer Mett, Monika Fraust geht im Rathaus putzen, ihr Mann betäubt sich mit dem Fernsehen, schlafen wird er noch lange nicht. Siegfried Hampe und Heidrun Meyer sitzen mit dem Förderverein Seeland und dem Bergmannsverein im Concordia-Saal, zwischen Eichenvitrinen voller Schwefelkies, Bleiglanz und Harzer Blutstein. Unten am See schläft eine Gruppe Schwäne, gut getarnt auf dem verschneiten Feld. Gleich ist es wieder Nacht in Nachterstedt.

 

Jana Petersen